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Pharmazie

Beitragsreihe Pharmazie

Prof. Dr. Theodor Dingermann

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Das Studium der Pharmazie

Das Pharmaziestudium wird derzeit in drei Abschnitten studiert: dem Grundstudium (Semester 1 - 4), dem Hauptstudium (Semester 5 - 8) und der praktischen Ausbildung (das 5. Jahr).
Dieses praktische Jahr (PJ) muss mindestens 6 Monate in einer öffentlichen Apotheke und weitere 6 Monate entweder in einer öffentlichen Apotheke, einer Krankenhausapotheke, in der Industrie, in einer Gesundheitsbehörde oder auch in einer Forschergruppe an der Universität abgeleistet werden. Jeder dieser Abschnitte endet mit einem Staatsexamen, das spätestens nach drei Versuchen bestanden sein muss. Nach dem 3. Staatsexamen erhält man auf Antrag die Approbation als Apotheker und ist nicht nur berechtigt, den Titel Apotheker/Apothekerin zu führen, sondern beispielsweise auch die Position einer so genannten “qualifizierten Person“ (qualified person) einzunehmen, die als Herstellungs- bzw. Kontrollleiter die industrielle Produktion von Wirkstoffen verantwortet. Derzeit umfasst das Pharmaziestudium fünf Fächer, die inhaltlich stark miteinander verknüpft sind.



Pharmazeutische Chemie



In der “Pharmazeutischen Chemie“, die heute oft auch als “Medizinischen Chemie“ bezeichnet wird, werden alle Aspekte der Chemie (anorganische, organische, analytische, physikalische Chemie) gelehrt.



Die International Union of Pure and Applied Chemistry definiert “Medizinische Chemie“ als eine auf der Chemie basierende Disziplin, die verschiedene Aspekte der biologischen, medizinischen und pharmazeutischen Wissenschaften einschließt. Sie befasst sich mit der Entdeckung, Entwicklung, Identifizierung und der Synthese biologisch aktiver Verbindungen, der Interpretation ihres Wirkungsmechanismus auf molekularer Ebene und dem Metabolismus der Wirkstoffe. Der im deutschen Sprachgebrauch übliche Begriff “Pharmazeutische Chemie“ schließt alle genannten Aspekte der Medizinischen Chemie ein und erweitert den Begriff um den Schwerpunkt pharmazeutische Analytik.



Die Tatsache, dass dieses Fach nicht an den chemischen Instituten an einer Universität studiert wird, macht deutlich, dass es Unterschiede gibt zwischen einer chemischen und einer pharmazeutisch/medizinisch-chemischen Ausbildung. Immer ist der Blick auf den Wirkstoff gerichtet.



So werden beispielsweise die Ionen Ca2+ und Mg2+ nicht nur unter chemischen, sondern von Beginn an auch - und ganz besonders - unter pharmazeutischen/pharmakologischen Gesichtspunkten betrachtet. Diese Ionen beeinflussen die Leitfähigkeit einer Pufferlösung, kontrollieren die Aktivität von Enzymen und die Phyiologie einer Zelle und sind pharmazeutische Wirkstoffe gleichermaßen.



Eine Synthese eines kompliziert gebauten organischen Moleküls muss nicht zwangsläufig “schön“ sein. Sie muss effizient sein, und Wirkstoffkandidaten müssen möglichst umfassend synthetisch modifiziert werden, um entweder geeignetere Varianten zu identifizieren oder um in Patenten den “chemischen Raum“ um den Wirkstoff möglichst quantitativ durch Synthesen abzudecken, so dass man nicht den Markt mit Kompetitoren teilen muss.



Pharmazeutische Biologie



In der “Pharmazeutischen Biologie“ werden nicht nur die Grundlagen der Genetik, Biochemie, Physiologie und Immunologie vermittelt, sondern es werden die Charakteristika und Eigenschaften aller denkbaren Arten von Naturstoffen erlernt, die als Wirkstoffe oder Gifte in Betracht kommen können. Das sind Moleküle aus Bakterien, Pilzen, Pflanzen oder Säugern. In immer stärkerem Maße werden gentechnisch hergestellte Wirkstoffe in einer modernen Hochleistungsmedizin relevant, die häufig im weitesten Sinne auch mit dem Immunsystem interferieren. Aus diesem Grund wurden in die neue Approbationsordnung die Fächer “Biotechnologie“ und “Immunologie“ neu aufgenommen, und ihnen wurde ein relevantes Stundenkontingent zugewiesen.



Pharmazeutische Technologie



Das vielleicht “pharmazeutischste“ Fach ist die “Pharmazeutische Technologie“. Hier werden moderne Verfahren zur Arzneimittelherstellung erlernt, die oral, parenteral oder kutan appliziert werden. Physikochemische Eigenschaften von Wirk- und Hilfsstoffen spielen in dieser sehr technischen Teildisziplin eine große Rolle. Und auch die Konzeption intelligente konstruierter Applikationssysteme, wie beispielsweise automatische Spritzen (Pens) oder Dosieraerosole, fällt in die Kompetenz der Pharmazeutischen Technologie. In immer stärkerem Maße widmet sich dieses Fach auch der so genannten “Biopharmazie“ (LADME: Liberation, Adsorption, Distribution, Metabolismus, Elimination), die sich mit der Freisetzung des Wirkstoffs aus der Arzneiform, Aufnahme des Wirkstoffs in den Organismus, der Verteilung des Wirkstoffs im Körper, dem Metabolismus und der Ausscheidung des Wirkstoffs beschäftigt.



Pharmakologie



Erstaunlicherweise ist die Teildisziplin “Pharmakologie“ immer noch nicht an allen Pharmaziestandorten als eigenständiges Fach in der Pharmazie etabliert. In diesen Fällen übernehmen die pharmakologischen Institute der medizinischen Fakultät die Ausbildung der angehenden Pharmazeuten. Unstrittig ist die pharmakologische Ausbildung auch für Pharmazeuten extrem wichtig und entsprechend in der Approbationsordnung berücksichtigt. Sie unterscheidet sich von der pharmakologischen Ausbildung der Medizinstudierenden allerdings dadurch, dass stärker molekulare Aspekte bei der Betrachtung der Wirkprinzipien eine Rolle spielen.


Auch das komplexe Wechselspiel unterschiedlichster Medikamente, die vor allem ältere, multimorbide Patienten simultan verabreicht bekommen, gehört zur pharmakologischen Ausbildung der Pharmaziestudenten. Schließlich überblickt ein guter Apotheker seine Stammkundschaft hinsichtlich ihres Medikamentenkonsums umfassender als der einzelne Arzt, da nicht selten die Patienten heute mehrere Ärzte aufsuchen und sich zudem auch noch im Rahmen der Selbstmedikation mit Arzneimitteln versorgen.



Klinische Pharmazie



Als neues Fach wurde mit der letzten Approbationsordnung die “Klinische Pharmazie“ eingeführt. Im angelsächsischen Pharmaziewesen ist dieses Fach fest etabliert. In vielen Kliniken dieser Länder trifft der Apotheker auf der Basis der Indikationsstellung des Arztes die medikamentöse Therapieentscheidung für den Patienten. Von solchen Zuständen sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Dennoch war es richtig, eine moderne Pharmazie-Ausbildung um dieses Fach zu erweitern, bei der mehr als in den vier anderen Disziplinen der Patient im Mittelpunkt steht. Entsprechend attraktiv ist dieses Fach auch bei den Studierenden. Was für die Pharmakologie hinsichtlich der Etablierung an Pharmazeutischen Instituten gilt, gilt für die Klinische Pharmazie erst recht. Aus Kostengründen war es offensichtlich nicht möglich, dieses wichtige neue Fach mit adäquaten Mitteln auszustatten, so dass die einzelnen Standorte mit dem Problem konfrontiert sind, die neuen Institute aus den vorhandenen Mitteln auszustatten.


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Kommentare


24.04.2012 von Helena Heiner
Habe den Artikel mit Interesse gelesen. Habe eine abgeschlossene Ausbildung als PTA. Mache nun mein Abitur an einer Berufsfachschule.Möchte anschließend Pharmazie studieren. Welche Voraussetzungen muß ich erfüllen?
29.04.2008 von Ilona Meier
Danke für diesen Artikel! Habe ihn gerne gelesen und er war wirklich hilfreich. Da ich mich für ein Pharmaziestudium interessiere habe ich noch eine Frage: Welcher NC ist wünschenswert um problemlos in diesen Studiengang aufgenommen zu werden?


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Prof. Dr. Theodor Dingermann

Theodor Dingermann ist Professor für Pharmazeutische Biologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt

Pharmazeutische Institute, Uni FrankfurtPodcast von Theodor Dingermann

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