Die wohl berühmteste Stadt vom Reißbrett ist Brasilia, die "neue" Hauptstadt von Brasilien: Sie hatte 1960 Rio de Janeiro als Regierungssitz abgelöst. Viele ihrer Gebäude stammen von dem berühmten Architekten Oscar Niemeyer – soe wie die Kathedrale der Stadt.
Vom Reißbrett zum Welterbe
Aber schon gleich nach ihrer Fertigstellung im Jahr 1960 zeigten sich die ersten Probleme: Die Arbeiter, die zum Bau gebraucht worden waren, blieben. Rund um die Kernstadt bildeten sich Satellitenstädte. Es gab wie in jeder anderen Stadt wieder reich und arm – damit hatten die Planer nicht gerechnet. Zudem fehlten Plätze, an denen Menschen sich treffen konnten. Die Funktionstrennung von Arbeiten und Wohnen, die Tatsache, dass die Stadt für das Auto gebaut wurde und Anlagen zum Flanieren und Bummeln fehlten, machten Brasilia zu einer Stadt, die sich nur schlecht eignete zum Zusammenleben: Die Menschen wohnten in ihr nicht gern.
Bis heute kann die Stadt, die mittlerweile zum Welterbe zählt, auf diese Unzulänglichkeiten kaum reagieren. Bei aller Großartigkeit, oder gerade deswegen, ist die Anlage von Brasilia dafür zur starr. "Brasilia ist die reine Lehre", sagt Stadtplanerin Ricarda Pätzold. "Aber die reine Lehre scheint nur in der Projektion zu funktionieren. In die Realität umgesetzt, kann sie auf neue Entwicklungen nicht flexibel genug reagieren. Das ist immer wieder ein Problem von Städten, die nicht wachsen, sondern am Reißbrett geplant werden."
Erfolgsmodell Gartenstadt?
Als ein weiteres Beispiel nennt Pätzold, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin arbeitet, die von Ebenezer Howard geplanten "Garden Cities". Auch sie sollten Missständen abhelfen und Fortschritt bringen. Sie sind als Reaktion auf das Ausufern des Ballungsraums London im 19. Jahrhundert zu sehen. Als eigenständige Einheiten rund um London angeordnet, sollten sie Arbeit, Natur und Wohnen auf vergleichsweise engem Raum verbinden. Die Menschen sollten weniger weit pendeln müssen, die Großstadt mit ihren Problemen nicht noch größer werden. Aber auch sie funktionierte nicht in der von Howard geplanten Form. Gartenstädte als Siedlungskonzept – ohne das Ziel der Gesellschaftserneuerung – wurden dagegen in vielen Ländern umgesetzt. "Wahrscheinlich, weil sie weniger von Ideologien getragen und die Aufgabenstellungen weniger komplex waren", meint Pätzold.
Von oben betrachtet ähnelt Brasilia einem Flugzeug: Ausgehend von der Längsachse gehen zwei Flügel nach links und rechts ab. Doch diese Ansicht ist nur ein berühmtes Missverständnis: Stattdessen soll die Form ein Kreuz symbolisieren, wie es als Markierung auf Landkarten verwendet wird.
Gescheiterte Utopien
Das gilt auch für Auroville und Arcosanti. Auroville, 1968 in Indien als "Stadt für alle" gegründet, war als neues kulturelles und spirituelles Zentrum der Menschheit gedacht. Die Stadt gehört keinem: Wer in ihr wohnt, dient dem göttlichen Bewusstsein. Nach letzten Zählungen im November 2009 leben in Auroville 2184 Menschen aus 45 Nationen. 50 000 sollten es einmal sein. Auch an Arcosanti, etwa zur gleichen Zeit in Arizona entstanden, wird seit nunmehr 40 Jahren gebaut. Die Stadt soll ihren Bewohnern ein perfektes Leben bieten, indem sie Architektur mit Ökologie verbindet. "Arcology" hat ihr Erfinder, der Architekt Paolo Soleri, diese Synthese genannt. "Städte sollten so gebaut sein, dass Erreichbarkeiten und Möglichkeiten zur Interaktion innerhalb der Stadt maximal sind, der Verbrauch von Energie, Rohstoffen und Land minimal, Abfall und Luftverschmutzung reduziert werden können und ein Austausch mit der umgebenden natürlichen Landschaft möglich bleibt", werden die Ziele auf der Website der Projekts benannt. So wie Auroville lebt Arcosanti vom Engagement ihrer Bewohner. Wenn die Stadt fertig ist, sollen 5000 Menschen in ihr leben – nur rund vier Prozent der geplanten Gebäude wurden aber bisher gebaut.
Sind Auroville und Arcosanti also gescheitert? "Nicht wirklich", meint Ricarda Pätzold. Eine Stadt per politischem Beschluss bauen zu lassen, so wie Brasilia, sei vergleichsweise einfach – eine Stadt im Kollektiv gemeinsam weiterzuentwickeln ungleich schwerer. "Aber eine Stadt, die sich aus der Gemeinschaft heraus entwickelt, hat viele Teile, steht auf vielen Beinen. Eine solche Stadt kann sich anpassen, kann Probleme lösen. Denn sie hat ein ganz anderes Entwicklungspotential."
Wiederbelebung des Alten
"Die 'nachmoderne' Generation der Stadtplaner hält es daher eher mit Jane Jacobs und plädiert für einen 'menschlich' dimensionierten und umweltgerechteren, kompakten Städtebau mit kleineren Blockstrukturen und guter Funktionsmischung. Und mit möglichst viel nicht-motorisiertem und öffentlichem Verkehr", sagt Deike Peters, Leiterin der DFG Emmy Noether-Gruppe "Urbane Mega-Projekte" am Center für Metropolitan Studies der TU Berlin.
An einem Ende der zentralen Monumentalachse steht das Gebäude des Nationalkongresses, das ebenfalls von Oscar Niemeyer entworfen wurde.
Inzwischen schätzt eine neue Generation von Stadtplanern wieder die historisch gewachsenen Stadtteile und Städte. Die jungen Planer wollen ökologische mit sozialen Fragen verbinden. Alle Einwohner einer Stadt sollen an ihrer Entwicklung beteiligt werden, bei neuen Planungen mit diskutieren, sich einbringen und verwirklichen können. Stadt soll für alle erlebbar und finanzierbar sein. Das Ziel ist eine Stadt, die ökologisch nachhaltig und rundum lebenswert ist für alle sozialen Schichten. Auf den Punkt bringt das der britische Stararchitekt Sir Norman Foster: "Die Stadt der Zukunft muss ein Ort sein, an dem man sich gerne aufhält, eine Stadt, in der man wirklich leben, die man wirklich besuchen will – eine, in der es Spaß macht, zu sein."


Die Autorin ist freie Wissenschaftsjournalistin in Berlin.



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