Ein konfliktscheuer Geheimniskrämer?
Vielleicht hätten auch Bedenken, seine Frau Emma zu verärgern, Darwin zögerlich sein lassen. Und womöglich hätte er seine Ideen nie veröffentlicht, wäre nicht Alfred Russel Wallace 1858 zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen. Jedenfalls erscheint der Begründer der Evolutionstheorie als furchtsamer, insgeheim zitternder Geheimniskrämer, der lieber eine Lüge lebte – wie es Adrian Desmond und James Moore in einer Biografie über Darwin 1992 formulierten –, als sich der Reaktion seines Umfelds auszusetzen.
So diskutierte er seine These zur Veränderlichkeit der Organismenwelt offen mit zahlreichen Freunden und Briefpartnern – von Verheimlichen oder Angst vor Ansehensverlust also keine Spur, im Gegenteil: Obwohl er immer wieder betonte, dass er sich damit womöglich zum Gespött mache, nannte er stets beinahe im selben Atemzug die Absicht, trotzdem damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Auch wusste Emma Darwin lange vor der Publikation um die Inhalte seines "Arten-und-Variationen-Konzepts", wie er es gern nannte: 1844 hatte Darwin eine Rohfassung niedergeschrieben, die er sie bat zu publizieren, sollte er vorzeitig sterben.
Gerade diese ungenaue Beschreibung beziehungsweise die Form, seine Idee nicht mit natürlicher Selektion oder Entstehung von Arten zu betiteln, legten Wissenschaftshistoriker übrigens gern als Beleg für Geheimniskrämerei aus. Für van Wyhe eine Fehldeutung: Er sieht darin die ausreichend vereinfachte Umschreibung für Gesprächspartner, die bereits wissen, worum es geht. In ihren Reaktionen zeigt sich dabei durchaus Widerspruch, jedoch keineswegs in der übersteigerten Form, die Darwin laut späterer Beurteilungen hätte fürchten müssen.
Spät, nicht verspätet
Überhaupt stelle sich laut van Wyhe die Frage, wie Darwin "Die Entstehung der Arten" früher hätte publizieren sollen. Während er Ende der 1840er die ersten Ideen entwickelte, steckte er noch tief in der Auswertung seiner Beagle-Reise. Behindert durch Krankheit, konnte er teilweise nur wenige Stunden am Tag arbeiten – trotzdem publizierte er Aufsatz um Aufsatz und von 1839 bis 1846 zehn Bücher. Seine Evolutionstheorie verlor er dabei nie aus den Augen, kündigte er doch in zahlreichen Briefen an, dass er sich darum kümmern werde, sobald er seine jetzigen Aufgaben bewältigt habe. Fünf Jahre, so schätzte er mehrfach, werde es ihn kosten, seine Ideen auf sichere Füße zu stellen und niederzuschreiben.
Dass die Evolutionstheorie warten musste, blieb übrigens kein Einzelfall: Auch psychologische Aufzeichnungen zur Entwicklung seines Sohnes erschienen erst 37 Jahre später, ein Orchideenbuch etwa dreißig Jahre nach den ersten Beobachtungen oder Überlegungen zur landschaftsverändernden Wirkung von Würmern, die er 1838 in einem kurzen Artikel schon einmal zusammenfasste, in Buchform sogar erst 1881.
Moderne Geschichtschreibung kontra historische Fakten
Zeitgenossen und frühe Biografen sprechen daher auch nirgends von Angst vor der Publikation, dem furchtsamen Verstauen in Schubladen oder Geheimniskrämerei, erklärt van Wyhe. Die ganze Geschichte rund um Darwins zwanzigjähriges Zögern sei vielmehr eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. In den 1950er Jahren, so der Darwin-Historiker, tauchten erstmals Formulierungen auf, die jene Zeitspanne als Aufschub deuteten – zusammen mit den zuvor aufgeführten Erklärungen. Und offensichtlich hielt sich das Bild so hartnäckig, dass es ohne ein vertieftes Nachforschen in den Quellen einfach weiter überliefert wurde und sich daher bis heute hält – vielleicht allein schon deshalb, weil die Geschichte so mehr Dramatik aufweist.
Warum der Mythos entstand und besteht, "ist eine komplexe Frage, deren Beantwortung eine eigene Studie erforderte", meint van Wyhe. "Die Gefahr voreingenommener Bestätigung droht Historikern mindestens genauso wie anderen Wissenschaftlern. Wenn wir Historiker einmal eine Geschichte glauben, ist es leicht, weitere Belege dafür zu finden. Wenn die Befunde aber dagegen sprechen, fällt es schwer, sie aufzugeben."







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