Doch wie nimmt man Schönheit wahr? Was ist überhaupt Schönheit? Ist sie zeitlos – und wie wirkt sie sich auf unser Leben aus? Unzählige psychologische Studien befassten sich mit diesen Fragen. Nicht selten kommen sie zu recht ernüchternden Ergebnissen.
Bei der Frage der Attraktivität greift die moderne Wissenschaft auch zum Maßband. Laut dem Schönheitschirurgen Stephen Marquardt lassen sich die Proportionen eines gut aussehenden Gesichts nach dem Maß des goldenen Schnitts berechnen. Demnach entspricht zum Beispiel das Verhältnis von Nasenbreite zu Mundbreite dem goldenen Schnitt (GS = 1:1,61803). Seine aus dieser Formel berechnete "Maske der Schönheit" will aufzeigen, ob der Mund zu schmal, das Kinn zu breit oder die Augen zu klein sind. Zugegebenen: Die Maske passt erstaunlich gut auf schöne Gesichter wie die von Angelina Jolie oder Brad Pitt. Zumindest in dieser Hinsicht ergäben sie ein perfektes Paar.
Die Schönheit ist durchschnittlich
Die Attraktivität von ebenmäßigen Gesichtern entdeckte 1878 schon der Mathematiker Francis Galton – allerdings per Zufall. Bei dem Versuch, mehrere Verbrechergesichter auf Fotopapier übereinander zu belichten, um so einen "typischen Kriminellen" zu erhalten, machte er eine erstaunliche Feststellung: Alle gemittelten Durchschnittsgesichter sahen besser aus als die Originale. Schließlich behauptete schon Immanuel Kant, dass das Mittelmaß "das Grundmaß und die Basis aller Schönheit selbst" sei.
Die Psychologin Judith Langlois und ihre Kollegen von der Universität Texas in Austin untersuchten das Phänomen später mittels Computertechnik. Das Ergebnis: Schönheit ist durchschnittlich. Lautet also die Formel der Attraktivität
GS = Ø = schön?
GS = Ø = schön = bevorzugt
funktioniert somit schon seit Beginn der Evolution.
Wie jedoch erklären sich die Schwanzfedern des Pfaus oder das Geweih des Hirsches, die vorwiegend der Zurschaustellung des Trägers dienen? Schon Charles Darwin erkannte, dass es nicht reicht, durchschnittlich zu sein. Im Gegenteil – es kann sehr vorteilhaft sein, sich von seinen Konkurrenten abzusetzen. Die Ausbildung eines Pfauenschwanzes bedeutet einerseits einen enormen Energieaufwand, den man vernünftigerweise lieber zum Überleben nutzen sollte. Andererseits tanzt der besonders gut bestückte Pfau aus der Reihe und fällt auf. Er zeigt der geneigten Dame, dass er über genügend Ressourcen verfügt, sich noch ein paar große und bunte Schwanzfedern leisten zu können.
Ähnliches gilt auch für unsere Gesichter: Durchschnittsgesichter werden noch schöner, wenn man bestimmte Merkmale auffällig betont. Erhöht man zum Beispiel die Wangenknochen ein bisschen oder macht die Augen noch einen kleinen Tick größer, steigt die Attraktivität, entdeckte der Psychologe Dave Perret von der schottischen Universität St. Andrews. Eine Methode, der sich auch Karikaturisten bedienen: Sie heben das Typische hervor. Die Formel der Schönheit lässt sich somit erweitern auf:
GS = Ø + Hervorhebung = schön = bevorzugt
Das perfekte Verhältnis
Doch nicht nur das Gesicht muss stimmen, auch die Figur kann man in Zahlen packen. Devendra Singh und ihre Kollegen von der Universität von Texas untersuchten das Verhältnis von Taille zu Hüfte. Ein Verhältnis von 0,67 und 0,80 gilt bei Frauen als gesund, bei Männern darf es zwischen 0,85 und 0,95 liegen. Besonders schön jedoch wirken 0,7er Frauen und 0,9er Männer, egal welches Schönheitsideal man ansetzt. Ob Marilyn Monroe oder Twiggi – Hauptsache 0,7.
Dieses Maß kommt nicht von ungefähr. Denn
GS = Ø + Hervorhebung = schön = bevorzugt
+ [0,7 (w); 0,9 (m)]
ist gleichzeitig auch gesund.
Gute Gene oder lieber Treue?
Frauen haben es da leichter. Sie schauen Männern kurz auf das Kinn – und haben alle Informationen, die sie brauchen. Sie suchen aus evolutionärer Sicht nach dominanten Männern, die in der Lage sind, sie zu beschützen. Dazu müssen sie Macht und Stärke ausstrahlen; breite Schultern und eine auffallende Körpergröße werden ebenfalls nicht verschmäht. Allerdings hapert es bei solchen "Prachtexemplaren" manchmal mit der Treue und der Familienbindung. Nach der DNA-Weitergabe dringen sie gerne ins nächste Revier vor. Deshalb gibt es zyklusbedingte Unterschiede in der Beurteilung von Männern.
In der Phase des Eisprungs finden Frauen solche Männer attraktiv, die besagtes kräftiges Kinn haben und starke Nachkommen versprechen. Den Rest des Zyklus, eine immerhin beachtliche Zeit von etwa 24 Tagen, erhalten auch weichere Männer eine Chance. Die Hoffnung, unter ihnen einen Familienvater zu ergattern, verleiht dem Bild der Schönheit Flügel. Mit der Formel gesprochen:
GS = Ø + Hervorhebung = schön = bevorzugt
+ [(0,7 (w) = fruchtbar (w));
(0,9 (m) = stark (m, ca. 4 Tage)
+ liebevoll (m, ca. 24 Tage))]
= gesund
Laut Kant empfindet man Schönheit über die Sinne, "aber sie geht weit über die bloße Empfindung hinaus". Damit meinte er doch hoffentlich nicht die Fortpflanzungsfähigkeit? Dies würde der Aussage das poetische Flair nehmen. Auch Charles Baudelaires "Schönheit liegt im Auge des Betrachters" hinterlässt die Frage, was genau betrachtet wird.
Die Schönheit erscheint als ein komplexes System. Die vorläufige Formel (Erweiterungen nicht ausgeschlossen):
GS = Ø + Hervorhebung = schön = bevorzugt
+ [(0,7 (w) = fruchtbar (w));
(0,9 (m) = stark (m, ca. 4 Tage)
+ liebevoll (m, ca. 24 Tage))]
= gesund
+ intelligent, geduldig
= selbstbewusst + x
So hart es auch ist, Schönheit öffnet Tor und Tür. Diese müssen im Falle eines weniger attraktiven Äußeren erst durch Eigenschaften wie Humor und Intelligenz zaghaft und mühsam aus den Angeln gehoben werden. Doch ist dies erst einmal geschafft, hält Sympathie dauerhaft Einzug. Schon Schneewittchen gewann die Herzen der sieben Zwerge nicht alleine durch ihre Schönheit, sondern auch durch ihren fröhlichen und liebevollen Charakter. Einem attraktiven Äußeren ohne passende innere Werte kann es durchaus widerfahren, dass die Tür für immer vor der zierlichen Nase zugeschlagen wird.


Freie Wissenschaftsjournalistin





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