Der größte Teil des Tötens geht daher auf das Konto von Kriminellen: Gesetzesbrechern auf Malta, Fallenstellern in Frankreich, Spanien und Norditalien, organisierten Verbrechern in Süditalien und auf Zypern. Die maltesische und zypriotische Regierung missachten und widersetzen sich seit Langem der europäischen Vogelschutzrichtlinie, so dass sich der gesamte Staat zum Komplizen und Mitschuldigen am Töten macht. Vor allem der Einsatz von Leimruten, um Singvögel zu fangen, ist besonders grausam.
Sie haben sich auf Malta und Zypern auch Freiwilligenteams vom Bonner Komitee gegen den Vogelmord angeschlossen: Was unternehmen diese Menschen, um den Vögeln zu helfen und sie zu schützen?
Unter den zahlreichen Organisationen, die sich für den Schutz der Vögel einsetzen, geht das Komitee am offensivsten vor. Im Frühjahr und Herbst reisen Komiteemitglieder zu den Zentren der Vogeljagd rund ums Mittelmeer, um Fallen zu zerstören und Vögel zu befreien. Auch wenn die tatsächliche Wirkung dieser Maßnahmen bescheiden ist, so erzeugen die Aktivitäten doch eine sehr große öffentliche Wirkung und machen auf das immense Ausmaß der illegalen Jagd aufmerksam.
Zu den brutalsten Methoden der Vogelfänger zählen die Leimruten: Stöcke und Zweige, die mit stark klebrigem Kleister bestrichen werden und an denen die Vögel wie dieser Maskenwürger festhaften. Mitunter dauert ihr Kampf Stunden, bis sie entkräftet sterben oder getötet werden. Neben kleinen Singvögeln, die verspeist werden, verenden daran auch Eulen oder Reptilien.
Zugegeben: Als bekennender Vogelliebhaber habe ich einem Komiteeteam auf Zypern ein wenig geholfen. Ich war zwar nicht geschickt genug, um Vögel aus Fallen zu befreien, aber ich habe nach Leimruten Ausschau gehalten und trug einen verletzten Waldlaubsänger in meinem Rucksack.
Wilderer können durchaus aggressiv auf Störungen reagieren. Gab es Übergriffe auf die Vogelschützer, als Sie vor Ort waren?
Ja, am Ende eines langen Nachmittags auf Zypern wurden vier Mitglieder eines Teams, das ich begleitete, von zornigen Wilderern attackiert. Sie warfen Steine auf die vier Personen, die alle getroffen wurden. Dann griffen die Jäger zwei davon auch noch direkt an und zerstörten ihre Foto- und Videoausrüstung. Die örtliche Polizei reagierte darauf jedoch sehr schnell und verhaftete in den nächsten Tagen einige der Angreifer. Ich freue mich außerdem darüber, dass die zypriotische Regierung während des Herbstzugs vier Monate später wesentlich massiver gegen die illegale Jagd vorging.
Maltesische Jäger schießen auf alles, was fliegt. Auch geschützte Arten wie diese Steppenweihe fallen der ausufernden Wilderei zum Opfer.
Natürlich steht der Schutz von Lebensräumen an vorderster Stelle. Aber jedes Jahr werden rund ums Mittelmeer – in Europa und Afrika – schätzungsweise 500 Millionen bis eine Milliarde Vögel getötet: Das ist eine substanzielle Zahl. Und auf Malta zum Beispiel töten Jäger weiterhin Greifvögel wie den Schreiadler, dabei geben die Regierungen im Nordosten Europas Millionen Euro aus, um seine Habitate zu schützen.
Nimmt die Jagd auf Zugvögel in Nordamerika ebenso große Dimensionen an wie in Europa?
Was können wir alle tun, um die Zugvögel zu schützen?
Uns sollte bewusst werden, wie stark bedroht die europäischen Wildvögel sind. Und wir sollten dafür sorgen, dass sie wieder mehr geeignete Lebensräume finden. Der Bestand des Kuckucks brach in den letzten Jahrzehnten um 70 Prozent ein, viele einst häufige Arten wie die Feldlerche oder der Kiebitz werden zunehmend seltener. Die Wilderei muss endlich beendet und die reguläre Jagd europaweit strikter reglementiert werden.
Die schlimmsten Exzesse finden in Süd- und Südosteuropa statt, doch auch in Frankreich fallen zahlreiche Watvögel den Kugeln zum Opfer – die eigentlich gar nicht gejagt werden dürften, weil sie im Bestand bedroht sind. Sogar in Deutschland gibt es Probleme. Als ich vor zwei Jahren in Tübingen war, erfuhr ich von einem Professor für Forstwissenschaft, der weiterhin darauf bestand, Rebhühner zu erlegen – obwohl in der ganzen Region nur wenige Brutpaare überlebt hatten. Es war richtig obszön: Ein Förster sollte es besser wissen!
Sie gelten als leidenschaftlicher Vogelbeobachter, der überall, wohin er reist, nach den Tieren guckt: Wie kamen Sie zu diesem Hobby?
Ich fing mir den Vogelvirus von Freunden ein – er entfachte meine Liebe zur Natur neu und verschaffte ihr eine neue Dringlichkeit. Mittlerweile habe ich weltweit 1500 Arten beobachtet, 630 davon allein in den USA.
Bevorzugen Sie die Vogelbeobachtung oder das Schreiben?
Ich bevorzuge es, nicht zwischen beiden wählen zu müssen.
Viele der getöteten Singvögel landen als vermeintliche Delikatesse auf dem Tisch: Ambelopoulia heißt die Speise, deren Geschmack angeblich betörend sein soll. Ihr Verkauf ist illegal, aber weit verbreitet.
Mir ist klar, dass nicht jeder etwas mit Vögeln anfangen kann. Und deshalb wollte ich nicht gleich Leser abschrecken, indem ich mit der Tür ins Haus falle. In "Freiheit" beispielsweise tauchen die ersten Vögel erst in der Mitte des Buchs auf. Für mich sind Vögel aber eine Möglichkeit, mir meine Fähigkeit zur Liebe zu erhalten und mich für die Erde einzusetzen. Auf diese Weise befeuern sie tatsächlich meine Arbeit, denn in meinen Büchern dreht sich schließlich alles um die Liebe und den Einsatz für die Welt.
Mr. Franzen, vielen Dank für das Gespräch.






drucken




Graue Substanz |
Natur des Glaubens |
Con Text |
MENSCHEN-BILDER |
Landschaft & Oekologie |
Mente et Malleo |
Polarstern unterwegs |
WIRKLICHKEIT |
Robotergesetze |
NeuroKognition |
bildungslücke |
braincast | 





