Gewalt ist bei Schimpansen nicht ungewöhnlich
Schimpansenweibchen jedoch gelten gemeinhin als weniger gewaltbereit. Bis auf das mordende Mutter-Tochter-Gespann war kein einziger Fall bekannt, in dem die Aggression gegen ein Jungtier von einem Weibchen ausgegangen wäre. Goodall konnte sich das Verhalten darum nicht erklären. Lange Zeit galten die kannibalistischen Attacken der beiden Schimpansinnen Primatenforschern als krankhafte Verirrung zweier Einzeltiere.
Doch dann wurde auch Nambi attackiert – ein anderes Weibchen wollte das Baby haben. Nach einem kurzen Kampf gewann schließlich Weibchen Zimba die Oberhand: Sie biss in den Kopf des Säuglings, er war sofort tot. Eines der beistehenden Männchen schlug der Mörderin daraufhin hart ins Gesicht, ein anderes jagte sie davon. Den toten Säugling fanden die Forscher wenig später im Gebüsch [1].
Vier Monate später hörten die Forscher wieder Schreie. Als sie ankamen, entdeckten sie eine verletzte Schimpansin, die vor kurzem ein Junges entbunden hatte. Entlang einer Blutspur fanden sie schließlich das, was von ihrem Nachwuchs noch übrig war: einen Teil einer kleinen Hand, ein Stück des Kiefers.
Obwohl Slocombe und ihr Team hier nicht hatten beobachten können, was passiert war, konnten die Wissenschaftler schnell ausschließen, dass der Säugling fremden Schimpansen-Sippen oder einem Männchen zum Opfer gefallen war: Die betreffenden Tiere waren über 800 Meter entfernt. Auch hier muss also ein Weibchen zugebissen haben – so wie vermutlich auch 2004, als die Forscher Nambi und Zimba mit einem toten Säugling entdeckten. Die verletzte Mutter kauerte damals in geringer Entfernung, während die beiden Schimpansinnen eine Stunde lang den Leichnam begutachteten und diesen hin und her reichten.
Schimpansenweibchen, so viel steht fest, sind also alles andere als immer friedfertig – auch sie können massiv Gewalt anwenden. Doch aus welchem Grund? Anders als bei den Männchen tragen Schimpansinnen kaum Kämpfe um eine Rangfolge aus. Jedes Tier besetzt ein bestimmtes Territorium, auf dem es nach Futter sucht und seinen Partner wählt. Konflikte gibt es hier nur selten.
Tödliche Territorialkonflikte?
So selten Kindstötungen durch Schimpansen-Weibchen bislang auch beobachtet wurden – viele Verhaltensweisen sprechen dafür, dass sich Primatenmütter der Gefahr um ihren Nachwuchs durchaus bewusst sind und gezielt versuchen, unnötigen Gefahren aus dem Weg zu gehen. So entdeckten etwa japanische Forscher in den neunziger Jahren, dass schwangere Schimpansinnen kurz vor der Niederkunft die Gruppe verlassen. Kehren sie dann zurück, verbringen sie auffallend viel Zeit in der Gesellschaft von Männchen – vielleicht, so vermutet der Anthropologe Martin Muller von der Boston-Universität, um zu vermeiden, mit mehreren Konkurrentinnen alleine zu sein [2].
Sicher ist jedoch eines: Der Mythos des Gegensatzes von friedlichen und kooperativen Weibchen auf der einen und aggressiven und gewalttätigen Männchen auf der anderen Seite kann nicht mehr aufrechterhalten werden. Was das Morden angeht, gibt es bei Schimpansen nicht die früher angenommene geschlechtliche Präferenz.


Freie Wissenschaftsjournalistin




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