Auch dieser kleine Zugvogel singt nach der Brutpause wieder, bevor er sich auf den Weg nach Süden ins Winterquartier macht – nach den Erkenntnissen der Forscher allerdings überwiegend dann, wenn er erfolgreich gebrütet hat. Männchen, deren Nestlinge flügge wurden, zwitscherten fünfmal so oft wie erfolglose Konkurrenten. Der wahrscheinliche Grund: Der eigene Nachwuchs soll die artspezifischen Strophen schon einigermaßen gut kennenlernen, damit er im nächsten Jahr ebenso erfolgreich wie sein Vater um eine Partnerin balzen kann. Das genaue Ziel der herbstlichen Gesänge bleibt bislang für die Wissenschaft zwar noch spekulativ.
Dabei werden die singenden Männchen wohl belauscht – von Konkurrenten, die ihre eigenen Informationen aus den Liedern ziehen. Bislang gingen Ornithologen davon aus, dass Vögel ihr Territorium optisch anhand der bevorzugten Vegetationsstrukturen auswählen. Im Falle des Blaurückenwaldsängers handelt es sich dabei um alte Mischwälder mit dichtem Unterwuchs, die ihm ausreichend Nahrung und sichere Brutplätze bieten – je stärker ein ausgewähltes Revier diesen Kriterien entspricht, desto höher scheinen die Erfolgsaussichten bei der Partnersuche und der Jungenaufzucht. Und die kräftigsten Männchen besetzen denn auch im Normalfall diese Vorzugshabitate, schwächere und vor allem jüngere, weniger erfahrene müssen sich mit suboptimalen Biotopen zufriedengeben – ein Zustand, den sie nicht auf Dauer hinnehmen können, da sie selbst ihre Gene weitergeben wollen.
Wie dem aber abhelfen? Zuhören, wenn die Alpha-Hähne im Herbst ihre Bruterfolge kundtun, meinen die amerikanischen Biologen nach ihren Tests. Sie spielten im Herbst, bevor die Tiere das Weite suchen, Tonbandaufnahmen erfolgreicher Blaurückenwaldsänger ab. Allerdings platzierten sie ihre Lautsprecher in Gebieten, die in den Augen der Vögel normalerweise ein eher lausiges Habitat abgeben und nicht besetzt werden wie junge Beständen mit dichtem Strauchwerk und wenigen Bäumen.
"Der Gesang wirkt wie eine Abkürzung"
(Matthew Bretts)
Der gefälschte Gesang leitete die subalternen Männchen jedoch in die Irre: Im Folgejahr suchten sie genau diese schlechten Reviere auf, in denen sie vor der Winterpause das Pfeifen ihrer Vorbilder gehört hatten. Verglichen mit nicht besungenen Quartieren gleichschlechter Qualität bezogen sie die beschallten Areale viermal so häufig. Sie verließen sich also deutlich lieber auf die offenkundig positiven akustischen Signale als auf ihre Augen. Ihnen folgten die Weibchen, die sich wiederum auf die Auswahl ihrer Partner verlassen, selbst wenn diese offenkundig ein Fehlgriff zu sein scheint. Ein überraschendes Ergebnis für Betts und seine Kollegen: "Wir hätten nicht gedacht, dass diese Art der Informationsgewinnung so stark sein würde. Doch ist sie sehr wertvoll, wenn ein Vogel über ein großes Gebiet fliegt und allein anhand von Gesängen schon zehn gute Brutplätze identifizieren kann."
(Matthew Bretts)
Zugvögel sind allerdings in hohem Maße territorial: Sie suchen alljährlich ihren angestammten Brutplatz wieder auf und verteidigen ihn gegen Eindringlinge – zumindest so lange, wie es ihre Kraft hergibt. Nur wenige durch ein Zwitschern angedeutete Premiumareale wechseln denn auch im neuen Jahr den Besitzer, schränken die Forscher ein. Der Weg in den Süden und zurück ist jedoch ein gefahrvoller, und Opfer sind wahrscheinlich. Potenzielle Nachfolger, die akribisch lauschten, haben also dennoch Chancen auf einen freigewordenen Platz. Und selbst gravierende ökologische Veränderungen lassen sich mit dieser Taktik abmildern, schätzt Betts: "Die Vögel können dadurch rascher auf Umweltveränderungen reagieren und müssen sie nicht erst selbst erfahren, wenn sie auf der Suche nach neuen Nistplätzen sind. Der Gesang wirkt wie eine Abkürzung."





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