Ganz anders präsentieren sich dagegen der Dompfaff, der Buchfink oder gar der Haussperling: Ihnen wollte noch niemand wegen ihrer Lieder ein Denkmal setzen – bestehen sie doch vorwiegend aus eher simplem Pfeifen oder Tschilpen, jedenfalls wenig, das sich zu hören lohnt.
Warum aber schmettern die einen in höchsten Tönen ihre Weisen in den Himmel, während die anderen für uns eher Monotonie abliefern? Ein wichtiger Unterschied zwischen beiden Gruppen: Die meisten guten Sänger sind Zugvögel wie Nachtigall, Rohrsänger, Sprosser oder die Schwirle, viele Standvögel – etwa Meisen, Finken, Sperlinge –, beschränken sich dagegen auf eine kleine, eher unmelodische Auswahl an Pfiffen, Piepsern oder Tschilplauten.
Sogar innerhalb einzelner Arten zeigt sich dieser Unterschied markant – etwa beim Grünlaubsänger (Phylloscopus trochiloides), dessen Lieder umso komplexer werden, je weiter der einzelne Vogel ins Winterquartier ziehen muss. Und das gilt offensichtlich auch für die Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla), die Sarah Collins von der University of Plymouth und ihre Kollegen in Spanien und Portugal beobachtet haben. Auf der Iberischen Halbinsel leben zwei unterschiedliche Populationen des kleinen Singvogels: eine, die das ganze Jahr über Stellung am warmen Mittelmeer hält, und eine andere, die winters aus den kühlen Pyrenäen oder aus Galizien nach Süden flüchtet. Das macht die Mönchsgrasmücke zum idealen Studienobjekt, denn sie ermöglicht einen direkten Vergleich zwischen Zug- und Standvögeln innerhalb einer einzigen Art, die ansonsten dieselben stimmlichen Voraussetzungen haben sollten.
Zudem bestehen die Lautäußerungen des Vogels aus zwei sehr unterschiedlichen Komponenten: einem ausschweifenden, melodischen Geträller, das sich an das Weibchen richtet, sowie kürzeren, aber lauten Pfiffen, die konkurrierenden Männchen gelten. Diese werden auch immer eintöniger, je heftiger verbal die Rivalen um ein Revier kämpfen. Je nachdem, welches Auslesekriterium – Damenwahl oder Eigentumsverhältnisse – nun dominiert, sollten sich die Grasmückengesänge entsprechend hin zu längeren Gesängen beziehungsweise häufigeren Warnrufen entwickeln, so die These der Ornithologen.
Und tatsächlich unterschieden sich die untersuchten Populationen in ihren Lautäußerungen: Die Zugvögel warben ausdauernder und komplexer um Weibchen als die Standvögel, deren Repertoire selbst bei den Abwehrrufen eingeschränkt war. Die in die Ferne fliegenden Tiere waren folglich in der Werbung um die Partnerin präsenter, während bei ihren ortstreuen Artgenossen die Rivalität unter den Männchen das vorrangige Auslesekriterium darstellte. Andere Faktoren wie die Bestandsdichte, das unterschiedliche Regionalklima oder die Vegetation konnten die Forscher anhand ihrer Vergleichsdaten ausschließen.
Rein an welches Geschlecht sich der Gesang richtet, kann also schon die evolutionäre Entwicklung der Mönchsgrasmücken – und wohl auch anderer Arten mit ähnlich starker Aufteilung in ziehende und nicht ziehende Mitglieder der Gemeinschaft – in unterschiedliche Richtungen treiben. Ob dies auf lange Sicht allerdings auch in einer Aufspaltung in neue Spezies mündet, bleibt fraglich, denn ein neuer starker Faktor dürfte bald die Stimmenunterschiede überlagern. Der fortschreitende Klimawandel lässt vielerorts immer mehr Mönchsgrasmücken ihr Zugverhalten vergessen: Sie bleiben einfach da und müssen dafür ihr Revier bewachen. Verarmtes Vogelkonzert durch steigende Temperaturen – das wäre ein bislang völlig unbeachteter Aspekt der Erderwärmung.





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