Besondere Gefahren erfordern besondere Rufe
Was Ausgestaltung und Informationsgehalt der Warnlaute angeht, schießt allerdings die nordamerikanische Schwarzkopfmeise (Poecile atricapillus) den Vogel ab: Je nach Art, aber auch Größe des potenziellen Räubers tönt es unterschiedlich aus dem Gebüsch. Kreist ein Greif am Himmel, belassen es die kleinen Verwandten unserer Kohlmeisen bei einem sachten seet – der Aufruf, im Versteck zu bleiben oder eines aufzusuchen. Haben sie jedoch einen Todfeind am Boden oder gut auszumachen auf einem Ast sitzend entdeckt, ist für diesen die Ruhe erst einmal vorbei. Die Schwarzkopfmeisen belästigen ihn mit "chick-a-dee"-Kaskaden und körperlichen Belästigungen, bis er aufgibt. Große, schwerfällige Gegner wie Uhus werden dabei mit nur wenigen wie leiseren "dee"-Silben bedacht, kleinere und folglich deutlich gefährlichere Räuber wie Käuzchen hingegen mit einem Stakkato aus bis zu 23 lauten Wiederholungen des Tons überschüttet.
Die beiden Wissenschaftler spielten verschiedenen Kleibern die chick-a-dees der Schwarzkopfmeisen aus versteckten Lautsprechern vor, wobei sie darauf achteten, dass die ursprünglichen Lauterzeuger nicht zugegen waren, um Einflüsse durch sichtbares Meisenverhalten auszuschließen. Erwartungsgemäß reagierten die Kanadakleiber und näherten sich den Bäumen mit den vermeintlichen Verbündeten und Kontrahenten an, um dort ihren Beitrag für erhöhte Sicherheit der Kleinvögel beizutragen.
Polyglotter Kleiber
Allerdings erkannten die Kleiber nicht nur den Alarmruf als solchen, sie unterschieden vor Ort auch gleich noch, ob es sich um eine kleine oder eher große Bedrohung handeln könnte. Zwitscherte die Warnung vor einem Virginia-Uhu – ein eher unwahrscheinlicher Singvogel-Jäger – aus dem Unterholz, reagierten sie eher zurückhaltend. Eine Zwergkauz-Botschaft stachelte sie dagegen richtig an, denn diese kleine Eulen bilden tatsächlich eine effektive Gefahr. Die dadurch angelockten Individuen flogen nicht nur in Richtung der Bedrohung wie bei der Uhu-Meldung, sondern näherten sich ihr stärker an, landeten häufiger auf dem Baum mit dem Wiedergabegerät und bewegten sich auf dem Stamm sogar oft darauf zu.
Wahrscheinlich ist dieses Verhalten erworben und nicht vererbt, da sich die Mobbing- und Warnlaute der beiden Singvögel stark unterscheiden. Womöglich spielt das Schikanieren an sich sogar die Rolle von Unterrichtseinheiten, denn es lockt eine Vielzahl an Tieren herbei, die somit Freund, Feind und entsprechende Rufe praxisnah kennenlernen. Unklar ist Templeton und seinem Kollegen zudem noch, welcher akustische Bestandteil der chick-a-dees genau den Kleibern die entsprechenden Botschaften vermittelt. Neben der Zahl der dee-Silben kommen beispielsweise noch Lautstärke oder Frequenz der Rufe in Betracht.
Neben diesen akademischen Fragen könnte das gezeigte Verhalten der Kleiber für Forscher und Naturschützer auch ganz praktische Probleme aufwerfen: Sie versuchen, mit den Warnrufen der Schwarzkopfmeisen andere Singvögel herbeizulocken, um sie zählen zu können. Die Ergebnisse zeigen aber nun, dass dazu stets der Kleinräuber-Alarm gespielt werden sollte – alles andere lockt die Tiere vielleicht kaum hinter dem Baum hervor.







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