Doch einige Mitglieder der Fongoli-Sippe haben eine bessere Methode ersonnen, an ihr Fleisch zu gelangen, beobachteten Jill Pruetz von der Iowa State University und Paco Bertolani vom Leverhulme Centre for Human Evolutionary Studies der Universität Cambridge: Die Tiere überraschen den Halbaffen einfach im Schlaf. Überkam die Primaten demnach die Fleischeslust, berichten die Forscher, streiften sie erst einmal in ihrem Revier umher, bis sie mit einer Höhle oder einem Baumloch ein potenzielles Galago-Nest entdeckten. Dann brachen sie einen etwa 60 Zentimeter langen Ast vom nächsten Baum und entledigen ihn aller Äste und Blätter. Insgesamt zehn verschiedene Schimpansen konnten die Forscher hierbei mehrmals beobachten, darunter Jungtiere, Weibchen und Männchen.
Doch trotz der Mühen, welche die Schimpansen in ihren Werkzeugbau steckten, beobachteten Pruetz und Bertolani bei 22 Jagdversuchen nur einen erfolgreichen Treffer: Das glückliche Weibchen hatte mehrmals in ein Baumloch gestoßen. Auf einmal kletterte sie auf den toten Ast und hüpfte darauf herum, bis er brach. Anschließend griff sie in den Hohlraum hinein und entnahm ihre leblose Beute, die sie dann alleine verspeise. Der Speer wurde achtlos verworfen.
Ob auch andere Tiere mit der ungewöhnlichen Jagdmethode erfolgreich waren, können die Forscher nicht sagen. Sie entdeckten zwar auch andere Tiere, die beäugt von ihren Artgenossen einsam einen Galago verspeisten, aber wie die Schimpansen an ihre Beute heran gekommen waren, ließ sich nicht ermitteln – Freilandbeobachtungen stoßen eben an gewisse Grenzen. Dennoch sind sich die Forscher sicher, dass sie hier neben dem Menschen die erste Primatensippe entdeckt haben, die Werkzeuge nutzt, um damit zu jagen.
Besonders fasziniert waren Pruetz und Bertolani von der Tatsache, dass gerade Jungtiere und Weibchen ausdauernd mit den Speeren auf die Jagd gingen. Denn bei den bei Schimpansen üblichen Treibjagden spielen sie gemeinhin eine untergeordnete Rolle – was auch dazu führt, dass sie an der gemeinschaftlichen Beute nur wenig teilhaben. Denn geteilt wird bei Schimpansen nur unter denjenigen, die an der Jagd beteiligt waren. Doch Not macht anscheinend erfinderisch. Mit ihrer Speerjagd, so vermuten die Forscher, haben sich die Jungtiere und die Weibchen eine Nische eröffnet, die von den Männchen bis dahin nicht besetzt worden war – und sich so eine eigene Futterquelle erschlossen.
Diese Entdeckung könnte auch unser Bild von den frühen Hominiden gründlich verändern, glauben die beiden Wissenschaftler. Denn auch sie könnten auf eine ähnliche Weise gejagt haben. Nachweisen können die Forscher ihre These freilich nicht. Holzspeere überleben selten mehrere Millionen Jahre, um späteren Generationen von ihrem Nutzen Zeugnis abzulegen. Der älteste bisher entdeckte Speer ist keine 400 000 Jahre alt. Doch da der Lebensraum früher Vormenschen wie etwa der Australopithecinen mit dem der heutigen Fongoli-Schimpansen nahezu identisch ist, sind die Thesen durchaus einen Gedanken wert. Sicher ist allemal eines: Dass unsere nächsten Verwandten noch geschickter und intelligenter sind, als wir bislang angenommen haben.


Freie Wissenschaftsjournalistin in Bremen



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