Dieses Massensterben alarmierte neben Naturschützern auch Wissenschaftler wie Anil Markandya von der britischen University of Bath. Denn nun fressen vor allem verwilderte Haushunde die reichlich anfallenden Kadaver. "Um etwa 5,5 Millionen nahm die Zahl der Hunde seit 1992 zu – und damit die Attacken gegen Menschen", so der Entwicklungsforscher. Viele der beißenden Hunde sind mit Tollwut infiziert. "Wir schätzen, dass wegen des Geiermangels mindestens 47 000 Personen zusätzlich an Tollwut starben", meint Markandya. "Das Problem kostete das indische Gesundheitssystem rund 16 Milliarden Euro zusätzlich. Vor allem die armen Dörfer, wo die Versorgung ohnehin schlecht ist, mussten diese Bürde tragen", fügt Joe Roman von der University of Vermont in Burlington an.
Aedes japonicus gehört zu den gefürchteten Überträgern des West-Nil-Virus, das wiederum Vögel als Zwischenwirt nutzt. Je größer die Vielfalt der Vogelarten in einer Region ist, desto geringer fällt das Risiko für Menschen aus, angesteckt zu werden.
Zu den Nutznießern dieser Entwicklung gehört aber auch eine alte Geißel der Tropen: die Malaria. Eingriffe in den Amazonasregenwald machen offensichtlich die übertragenden Mücken zahlreicher und aggressiver, meint Roman: "Menschen in Rodungsgebieten werden 250 Mal häufiger gestochen als die Bewohner intakter Wälder – unabhängig von der Bevölkerungsdichte." Dies liege zum Teil an neuen Brutstätten für die Moskitos wie Pfützen in Reifenspuren oder Wassertonnen. Aber auch der Verlust an Fressfeinden, die vorher die Mücken in Schach gehalten hatten und mit dem Wald verschwanden, trägt dazu bei. Ein typisches Muster, so Roman: "Arten, die sich in gestörten Ökosystemen wohlfühlen, haben oft Krankheiten, die den Menschen befallen."
Vielfalt senkt Infektionsrisiko
Das gilt auch für die Reisratte – eine der Quellen für Hanta, das über den getrockneten Speichel, Kot oder Urin von Nagetieren übertragen wird. Müssen die Reisratten mit anderen Arten konkurrieren, bleibt ihre Zahl klein und das Virus selten. "Nahm die Nagervielfalt ab, folgte stets eine starke Zunahme der oft tödlichen Krankheit", sagt Joe Roman. In einem bislang einzigartigen Experiment belegten Richard Ostfeld vom Cary Institute of Ecosystem Studies in Millbrook und seine Kollegen diesen Zusammenhang im Regenwald Panamas [2]: Sie entfernten in Testgebieten alle Nagetiere, die sie fangen konnten, und ließen nur die Reisratten laufen. Fünf Monate später hatte sich deren Bestand deutlich vergrößert. Und: Der Anteil der mit Hanta infizierten Tiere hatte sich auf 35 Prozent verdreifacht. "Das ist problematisch. Denn das Risiko für Menschen steigt natürlich mit der Zahl der infizierten Nager", warnt Ostfeld.
Betroffen sind nicht nur die Tropen, wo mangelnde Hygiene, Armut und die oft unzureichende medizinische Infrastruktur ohnehin riesige Gesundheitsprobleme verursachen. Beispiele gibt es auch in den Vereinigten Staaten – etwa die Lyme-Borreliose. Wie die in Deutschland vorkommenden Borreliosekeime gelangen ihre Erreger über Zecken auf den Menschen. Ihr eigentlicher Hauptwirt sind Weißfußmäuse, denen es seit rund 100 Jahren nutzt, dass der Mensch ihre Konkurrenten beseitigt. "Ursprünglich war die Lyme-Krankheit selten, da eine Vielzahl von Säugetieren in den Wäldern lebte: von Nagern bis zum Puma", so Roman. Die Räuber kontrollierten die Mäuse, und die Zecken hatten eine reiche Auswahl an Opfern, von denen die meisten schlechte Träger für die Bakterien waren. Erst die zunehmende Zerstückelung der Wälder und der Schwund vieler Säuger machten die Krankheit zum Problem: Mäuse, Zecken und Borrelien profitieren vom Mangel an Feinden und den zahlreichen Kontakten untereinander – einer der Hauptgründe, warum Lyme-Borreliose in den USA auf dem Vormarsch ist.
Durch die Zerstörung und Zerstückelung der Wälder im Osten der USA starben dort viele Säugetierarten aus. Davon profitierten die Weißfußmäuse, die häufig mit Borrelien infiziert sind und diese über Zecken an Menschen weitergeben.
Der Schutz der Artenvielfalt nützt daher dem menschlichen Wohlbefinden. Im afrikanischen Malawisee versuchen Forscher die Bilharziose – eine Parasiteninfektion durch Pärchenegel – besser in den Griff zu bekommen, indem sie das ökologische Gleichgewicht wiederherstellen. Die Pärchenegel benötigen Süßwasserschnecken als Zwischenwirte, bevor sie über kontaminiertes Wasser den Menschen befallen. Da viele Schnecken fressende Fische des Sees übernutzt wurden, konnten sich die Schnecken und ihr Parasit rasant vermehren. Jetzt soll sich das Verhältnis wieder umkehren – zum Nutzen aller, wie Brian Allen hofft: "Es ist ein Gewinn für beide Seiten: den Naturschutz und unsere Gesundheit."






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