Scheinbar uferlos wuchert Mexico D.F., die Hauptstadt des lateinamerikanischen Staats, über den Horizont hinaus. Doch der Eindruck trügt: Seit einigen Jahren stagniert die Bevölkerungszahl der Metropole, da viele Menschen in andere Industriezentren abwandern – das gleicht den Zustrom vom Land aus.
Dezentralisierung in Südamerika
Ein Trend, der durchaus nicht untypisch ist für viele lateinamerikanische Städte: Ab einer bestimmten Einwohnerzahl verlieren die Metropolengiganten – die je nach Definition ab drei bis acht Millionen Bewohnern als Megastadt bezeichnet werden – offensichtlich ihren Reiz. Unternehmen und Menschen ziehen nun bevorzugt in aufstrebende, aber kleinere Städte im Umfeld, wo Luftverschmutzung, Verkehrsprobleme oder Kriminalität – vorerst – erträglicher sind. Das brasilianische Wirtschaftszentrum São Paulo ist ein Beispiel für diese Entwicklung, erläutert Wehrhahn: "Als die Stadt zu unübersichtlich und chaotisch wurde, begann ihre Einwohnerzahl zu stagnieren. Dafür wachsen andere Metropolen in einem Radius von 100 bis 500 Kilometer um São Paulo. Es entsteht ein megaurbaner Raum." Etwa 30 derartige Metropolregionen gibt es heute auf der Welt – die meisten in Lateinamerika und Asien.
Wer deren Dimensionen begreifen möchte, kann einen Blick auf die Rhein-Ruhr-Region in Deutschland werfen, deren Einwohnerzahl einigermaßen an die richtig großen Stadtungetüme heranreicht. Sie besitzt keinen zentralen Kern wie die klassischen europäischen Metropolen, sondern besteht aus vielen einzelnen Gemeinden von Köln bis Dortmund. In diese Richtung entwickeln sich viele urbane Räume weltweit, die momentan vielleicht noch als eine Stadt mit einem Zentrum gelten. "Man kann bei diesen Megastädten nicht mehr von einer Einheit sprechen. Das sind riesige, miteinander verflochtene Komplexe ohne monofunktionalen Kern", erklärt Fred Krüger, Geograf an der Universität Erlangen-Nürnberg, die neu entstehenden Gebilde.
Kaum zu glauben: São Paulo weist innerhalb seiner Stadtgrenzen immer noch ursprünglichen Regenwald auf – auch wenn die Wolkenkratzer die Bäume mittlerweile überragen. Auch die brasilianische Wirtschaftsmetropole stagniert in ihrem Wachstum, dafür wachsen die Städte in ihrem Einzugsbereich.
Ungebremstes Wachstum in Afrika und Asien
Andere Regionen weisen dagegen noch einen "Nachholbedarf" bei der Verstädterung auf. Die beiden Multimillionenstädte Lagos und Dhaka wachsen deshalb, wie viele in Asien und Afrika, ohne Kontrolle und Organisation weiter. Und sie bestätigen den Trend zur rasanten Verstädterung, den die Vereinten Nationen für die beiden Kontinente ausgemacht hat: Weltweit wächst demnach die städtische Bevölkerung bis 2025 von heute 3,5 auf 4,5 Milliarden, während diejenige auf dem Land "nur" um 100 Millionen auf 3,5 Milliarden Menschen zunimmt. Ein Großteil des Zuwachses soll in afrikanischen und asiatischen Megastädten mit heute schon mehr als zehn Millionen Einwohnern stattfinden – etwa in Neu-Delhi mit einem Plus von 6,4 Millionen Menschen, in Mumbai mit einem Plus von 5,8 Millionen oder in Kinshasa mit 6,2 Millionen. Tokio, heute die größte Metropole der Welt, steigert sich dagegen lediglich um 300 000 Menschen auf 37 Millionen Bürger. Insgesamt lebt heute schon mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in einer Stadt: Tendenz stark steigend.
Wie groß diese Metropolen letztlich werden, kann niemand voraussagen. "Wachstumsgrenzen im eigentlichen Sinn existieren nicht. Es besteht kein Grund, warum Megastädte, die schon längst 20 oder 30 Millionen Einwohner haben, nicht noch größer werden können", meint Fred Krüger. Aber: "Man muss sich vom Konzept der Megastadt als Moloch verabschieden und sie vielmehr als Chance sehen – zumindest als relative Chance verglichen mit dem, was die Menschen der ärmsten Länder im ländlichen Raum erwartet", gibt Rainer Wehrhahn zu bedenken.
Mehr Chancen als Risiken
Immer noch wandern Menschen in die Ballungszentren ab, weil sie sich dort ein besseres Leben erwarten, selbst wenn sie zuerst in Barackensiedlungen mit katastrophalen Bedingungen unterkommen müssen: In vielen Städten Afrikas und Asiens dominieren Slumbewohner mit zwei Dritteln bis mehr als 80 Prozent der gesamten Einwohnerzahl. Dennoch suchen die Menschen genau dort ihr Heil, bricht Fred Krüger eine Lanze für die Zentren: "Den Reiz der Städte macht weiterhin vor allem die Aussicht auf Arbeit aus, die in Entwicklungsländern in den Städten deutlich größer ist als auf dem Land. Menschen, die Schwierigkeiten haben, dort ihre Existenz zu sichern, werten Metropolen nicht als größeres Risiko." Dazu kommen der bessere Zugang zu billigen Kommunikationssystemen, eine zumindest rudimentäre Gesundheitsversorgung und das immense Angebot an Waren und Dienstleistungen aller Art. In den Dörfern gibt es all das kaum.
Viele Zuzügler landen in der Stadt zuerst in den Slums und Favelas, den Armensiedlungen. Doch die Chancen, in der Stadt sein Auskommen zu finden, sind meist höher als auf dem Land – dieses Versprechen auf Glück zieht immer mehr Menschen an.







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