Das Paul-Ehrlich-Institut in Langen bewertet als Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums die Sicherheit und Wirksamkeit von Medikamenten. In der "Bundesoberbehörde" wird jedoch auch geforscht.
Von Berlin über Frankfurt nach Langen
Was hat nun Paul Ehrlich mit Langen zu tun? Die Antwort liegt in der Langener Paul-Ehrlich-Straße. Seit 1990 steht hier, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Deutschen Flugsicherung, der pompöse Gebäudekomplex des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) mit über 700 Mitarbeitern. Seine Wurzeln reichen zurück auf das 1896 von seinem Namenspatron in Berlin-Steglitz gegründete "Institut für Serumforschung und Serumprüfung", das sich kurze Zeit später in Frankfurt als "Königliches Institut für experimentelle Therapie" etablierte und seit 1947 seinen jetzigen Namen trägt.
Doch im PEI wird nicht nur behördlich observiert. Hier sitzen auch ausgewiesene Forscherseelen wie Stefan Vieths. Der Lebensmittelchemiker, der seit 2002 die Abteilung Allergologie leitet, fand eher zufällig sein Forschungsthema. "Ich wollte irgendetwas mit Antikörpern machen", erinnert sich der 48-Jährige an das Ende seiner Berliner Studienzeit, in der er sich vor allem mit Lebensmittelanalytik beschäftigt hatte. Ein erfahrener Allergologe gab ihm dem Rat, sich als Chemiker auf das Gebiet der Allergologie hervorzuwagen, auf dem sich hauptsächlich Mediziner tummeln. Passenderweise litt die Tochter des Betreuers seiner Habilitation an einer Lebensmittelallergie, so dass der Forscher – der selbst von keiner Allergie geplagt wird – eine zusätzliche motivierende Unterstützung fand.
Der allergische Marsch
Vieths und seine Kollegen widmen sich somit einem Übel, unter dem ein wachsender Teil der Bevölkerung leidet: Schätzungsweise zwei bis drei Prozent der Erwachsenen und vier bis acht Prozent der Kinder vertragen bestimmte Lebensmittel nicht, weil sich ihr Immunsystem gegen vermeintlich bedrohliche, in Wirklichkeit aber vollkommen ungefährliche Stoffe im Essen wehrt. Die Symptome reichen von eher harmlosen Hautrötungen über Schwellungen, Ekzeme, Schnupfen und Atemwegsprobleme bis hin zu Bauchschmerzen, Durchfall und Erbrechen. Lebensbedrohlich kann ein so genannter anaphylaktischer Schock werden, bei dem das gesamte Herz-Kreislauf-System zusammenbricht.
Stefan Vieths (links) zeigt spektrumdirekt-Redakteur Andreas Jahn sein Labor. Der Lebensmittelchemiker leitet die Abteilung Allergologie am Paul-Ehrlich-Institut in Langen. Die weißen Kittel sind im Sicherheitsbereich des Labors vorgeschrieben.
Warum das Immunsystem, das uns ja vor bedrohlichen Krankheiten schützen soll, bei manchen Menschen zu derartigen Fehlalarmen neigt, bleibt rätselhaft. Sicherlich gibt es eine genetische Veranlagung. "Und hier sind sehr viele Gene beteiligt, deren Funktion wir nur teilweise kennen", weiß Vieths. Hinzu kommen Allergien gegen neue Produkte, die vorher unbekannt waren, wie der Forscher betont: "Eine Kiwi-Allergie gibt es bei uns erst seit den 1980er Jahren; und in Ostdeutschland trat sie erst nach der Wende auf."
Backstube im Labor
Den Betroffenen bleibt nicht anderes übrig, als die entsprechenden Kost zu meiden. Doch das ist leichter gesagt als getan. Zwar müssen europaweit die wichtigsten Allergieauslöser wie Haselnüsse, Erdnüsse, Milch, Eier, Fisch und Soja auf Lebensmittelpackungen gekennzeichnet werden, Überreste einer Zutat können jedoch auch unbeabsichtigt bei der Herstellung in die Ware gelangen. Auf den Packungen stehen dann viel sagende Hinweise wie: "Kann Spuren von Haselnüssen enthalten." Um herauszufinden, wie sich solche Verunreinigungen vermeiden lassen, arbeitet Vieths Team mit einem allseits beliebten Nahrungsmittel: Kekse.
Die Forscher um Vieths Kollegen Thomas Holzhauser haben die industrielle Bäckerei im verkleinerten Maßstab nachgebaut und buken zunächst Haselnusskekse. Nach einem groben Abschaben der Backmaschinen, wie es in der Industrie üblicherweise gehandhabt wird, kamen dann "nussfreie" Plätzchen an die Reihe. Ergebnis: Diese Kekse enthielten noch bis zu 100 Milligramm Haselnussprotein pro Kilogramm – für Allergiker fatal.
In der Backwarenindustrie werden Gebäckformmaschinen beim Wechsel auf andere Produkte meist nur grob abgeschabt, so dass noch etliche Nahrungsmittelreste an den Formen hängen bleiben (links). Eine simple Reinigung mit heißem Wasser genügt, um diese Reste zu entfernen (rechts). Für Lebensmittelallergiker kann dies entscheidend sein.
Bei einem Aachener Süßwarenhersteller konnten die Langener Forscher nachweisen, dass ihre Heißwassermethode auch für den großindustriellen Maßstab taugt.
"Keine hochtrabende Wissenschaft, aber wichtig"
(Stefan Vieths)
"Die Arbeiter waren allerdings nicht alle von unseren Vorschlägen begeistert", meint Röder. Dennoch zeige sich, ergänzt sein Doktorvater, dass mit relativ geringem Aufwand eine hohe Wirkung erzielt werden könne. "Das ist sicherlich keine hochtrabende Wissenschaft, aber doch wichtig."
(Stefan Vieths)
Viren fürs Immunsystem
Nicht minder wichtig erscheint ein weiteres Forschungsprojekt, das PEI-Allergologe Gerald Reese koordiniert: die Impfung gegen Allergien. Heuschnupfengeplagte können "hyposensibilisiert" werden, indem sie sich die allergenen Substanzen unter die Haut injizieren lassen – das Immunsystem "gewöhnt" sich an die fremden Proteine. Bei Lebensmittelallergikern treten jedoch derart heftige Nebenwirkungen auf, dass sich diese Methode verbietet.
Die infizierte Zelle liest nun das eingeschleuste Allergen-Gen ab und präsentiert Bruchstücke des fremden Proteins auf der Zelloberfläche. Das Immunsystem erkennt diese, reagiert jedoch längst nicht so heftig wie bei Stoffen, die von außen zugegeben werden. Der Patient ist "geimpft".
Ehrlichs Zellen
Dabei handelt es sich noch um Zukunftsmusik, bewährt hat sich die Allergie-Impfung bislang nur bei Mäusen [2]. Die Langener Allergologen haben ihre Methode zwar schon patentieren lassen, erste Tests beim Menschen wollen sie jedoch der pharmazeutischen Industrie überlassen. "Wir können am Paul-Ehrlich-Institut keine klinischen Prüfungen durchführen lassen, da wir uns diese ja als Zulassungsbehörde selbst genehmigen müssten", erklärt Vieths.
Der Chemiker sieht sich dabei ganz in der Tradition des Namenspatrons seines Arbeitgebers, auch wenn er offen bekennt: "Als ich mich hier bewarb, wusste ich nur wenig über Paul Ehrlich."
"Wir arbeiten auf Augenhöhe"
(Stefan Vieths)
Der berühmte Nobelpreisträger – ein Arzt mit einem Faible für Naturwissenschaften – hatte sich einst zwar nicht mit Allergien beschäftigt, legte aber mit einer Entdeckung die Grundlagen zum Verständnis allergischer Krankheiten: Er bezeichnete Blutzellen, die seiner Meinung nach besonders voll gefressen aussahen, als "Mastzellen".
(Stefan Vieths)
Heute wissen wir, dass gerade diese weißen Blutkörperchen die vorderste Verteidigungslinie des Körpers bilden und erste Abwehrreaktionen gegen Krankheitserreger einleiten sowie weitere Immunzellen alarmieren. Paul Ehrlichs Mastzellen spielen damit auch eine wesentliche Rolle bei allergischen Reaktionen – die so vielen Menschen ihren gesunden Appetit verderben.










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